Monatsspruch Oktober 2026

Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.
Galater 5,1

Oktober bedeutet auch Reformationsgedenken, immerhin 509 Jahre ist das nun her. Aber: Was feiern wir dann eigentlich am Reformationstag? Jeder, der damit zu tun hat, weiß, der Reformationstag ist ein sperriger, widerständiger Gedenktag, der unter ständigem Legitimationsdruck steht. Wer an diesem Tag, wie ich früher in Deutschland Schulgottesdienste gehalten hat, kann ein Lied davon singen, dass - nicht nur - bei den Kindern als Halloween längst bekannter ist als der - ebenfalls nicht nur - für Kinder schwer übersetzbare Sinn dieses Tages. Will man jetzt der Spielverderber sein, der erklärt, eigentlich sei der 31.10. doch der Reformationstag, aber die böse Werbeindustrie hat leider andere Interessen, und daher käme die komische Sache mit den Kürbissen, dem Verkleiden usw.? Oder versuchen beides irgendwie zu verbinden mit der Aussage etwa, dass, wer auf Gott vertraut, keine Angst haben muss und deshalb auch keine Geister zu vertreiben braucht?

Martin Luther und den anderen Reformatoren ging es zunächst um ein Zurück zu den Quellen, zu den Grundlagen der biblischen Botschaft. V.a. Paulus war da für Luther wichtig. Am Beginn der Reformation stand keine theologische Lehre, sondern eine religiöse Erfahrung. Dass ich mir mein Heil nicht selbst verdienen muss und kann, sondern dass es ein Geschenk, ja eine Gnade Gottes ist, das stand am Anfang von Luthers Weg und Reformator. Diese Erfahrung der Befreiung, ja der religiösen Freiheit, hat Luther dann in allen theologischen Lehren und Formeln versucht einzutragen bzw. in ihnen wiederzufinden. Das bekannteste Beispiel dafür ist die sogenannte Rechtfertigungslehre. Aber am Beginn stand diese Erfahrung der Freiheit, die mir in Christus geschenkt ist. Auch das konnte Luther schon bei Paulus finden. Gott schenkt mir Freiheit, auch und gerade im Glauben an Jesus Christus. Paulus verhandelt das unter dem Stichwort von Freiheit, die dann aber auch richtig gebraucht werden will.

Doch ziehen die Nebel der Gesetzlichkeit bedrohlich schnell und wirkungsvoll in meinem Leben wieder auf. Ich stelle fest, dass es durchaus schwierig ist, frei zu sein. Ich stelle bei mir eine verhängnisvolle Tendenz fest, mich selbst zu entmündigen und mich freiwillig unter die Herrschaft von anderen zu begeben. Frei zu sein, überfordert mich schnell. Wie verlockend ist es, Verantwortung abzugeben und andere entscheiden zu lassen! Das „Joch der Knechtschaft“, über das Paulus so abwertend schreibt, empfinde ich auf einmal als „sanft“ und seine Last als „leicht“ - gemessen an der Zumutung, frei und selbst selbstverantwortlich zu sein. Das gilt für persönliche Entscheidungen, ethische Bewertungen aber auch für politischgesellschaftliche Fragen.

Mir ist das auch mit Blick auf unsere Situation in den Gemeinden im Herbst 2026 wichtig. So sehr wir Freiheit betonen, so schwer fällt es uns oft, für diese Freiheit einzustehen. Wie gerne würden uns eher autoritär-populistische Politikmodelle von rechts wie links die Last unserer eigenen Freiheit wieder abnehmen und uns dafür mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen abspeisen und vermeintlich klare Orientierung geben. Ich kann mir übrigens auch den Zuspruch des Rechtspopulismus oder des neuen Israelhasses und Antisemitismus nur schwer anders erklären.

Dabei ist die Wirklichkeit viel komplexer und unübersichtlicher als in diesen gedanklich schlichten wie gesellschaftlich-politisch gefährlichen Bewegungen. Deshalb finde ich es wichtig für uns Evangelische, beim Reformationsgedenken unseren Freiheitsgebrauch und seine Folgen zu thematisieren.

Wenn Christus mich zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes beruft, dann hat das Folgen, privat, kirchlich, öffentlich. Bin ich in meinem Handeln nur meiner ethnischen Gruppe, meiner religiösen Prägung, meiner parteipolitischen Orientierung, meiner wirtschaftlichen Stellung verpflichtet, oder bedeutet mein Freiheitsgebrauch nicht auch, diese Grenzen immer wieder zu überschreiten, da, wo mein Verständnis des Christlichen und mein Gewissen es von mir erfordert.

Evangelisch zu sein, Protestant zu sein, hat dann immer auch mit Protest zu tun und fordert das Einstehen für die unver-letzliche Würde jedes Menschen, die Paulus wie Luther aus Gott heraus begründen. Dazu gehört aber auch: Wer sich in seinem Freiheitsgebrauch auf das Gewissen beruft, braucht dazu auch gute Gründe: bei Luther waren es die biblische Botschaft und die Gründe der Vernunft.

Habe Mut, dich deiner christlichen Freiheit zu bedienen - das wäre dann das Motto eines im besten Sinne sich auf Luther berufenden Protestantismus.

Dr. Christian Nottmeier
Superintendent, Ev. KK Neukölln