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Monatsspruch Juli 2022

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.
Psalm 42,3

Tief in mir liegt eine Sehnsucht. Nach Glück, nach Leben, nach Liebe. Vielleicht auch noch Frieden und Freiheit, nach Gerechtigkeit. Es ist die Sehnsucht, die uns zu menschlichen Wesen macht. Die Sehnsucht steht jeder satten Selbstzufriedenheit entgegen. Sie setzt mich in Bewegung, mühsam und schmerzhaft vielleicht manchmal, aber es ist die Sehnsucht, die das Leben lebenswert macht. Wenn ich sehne, spüre ich, dass ich lebe. Sehnsucht, so schreibt es Wikipedia, ist ein inniges Verlangen. Sie kann sich auf Personen, Dinge, Zeitspannen oder Zustände beziehen. Die Sehnsucht weiß dabei auch darum, dass das Ersehnte nicht immer und meistens nicht vollständig erreicht werden kann.
Die Sehnsucht lebt von der Hoffnung auf Erfüllung. Sie verbindet sich mit Bildern der Ganzheit und der Fülle, nach Heil und gelingendem Leben, nach Lebensglück. Als Menschen sind wir sehnende Wesen.
Der Bibel ist nichts Menschliches fremd. Sie ist deshalb zuallererst auch ein Sehnsuchtsbuch. Sie erzählt Geschichten von Menschen, die unterwegs sind, weil eine Sehnsucht sie wachhält. Die lässt sich nicht abstellen und betäuben, weder individuell-persönlich noch gesellschaftlich-politisch. Die Sehnsucht ist die Voraussetzung für jeden Aufbruch und jede Veränderung.
Die Sehnsucht ist nicht frei vom Schmerz, ja der Schmerz gehört zu ihr. Es ist der Schmerz, das Leiden an erfahrenen Ungerechtigkeiten, an Verletzungen, an mangelnder Fülle und Ganzheit, die jenes Sehnen nach einem Mehr und einem Ganzen überhaupt erst in Bewegung setzt. So ist die Sehnsucht eine elementare Lebenskraft, vielleicht gerade da, wo sie schmerzt. Denn sie findet sich mit den Verhältnissen nicht ab, sie drängt auf Veränderungen. In der Sehnsucht kann ich Grenzen überschreiten, die, die ich mir selbst gesetzt habe und die, die mir vielleicht auch von der Gesellschaft und den Umständen auferlegt werden.
Das markanteste biblische Bild für die Sehnsucht findet sich in Psalm 42: „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ Und auch hier ist der Schmerz und die innere Unruhe, die sich mit den Dingen, wie sie sind, nicht zufriedengeben wollen, der eigentliche Ausgangspunkt: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?“ Genau diese innere Unruhe, dieses Sehnen nach einer inneren Erfüllung, wird im Bild des Dürstens beschrieben. Das, was mich ausmacht, was der Kern meines Wesens ist, meine Seele, das will sich nicht mit den Verhältnissen einfach abfinden, sondern aufbrechen, Erfüllung finden, heil sein und ganz werden. Diese Sehnsucht, dieses Träumen von einer vielleicht ganz anderen Welt, ist eine der Kraftquellen der Religion. Meine Seele dürstet, so stellt es der Psalm in wunderbarer Sprache fest und verbindet das mit einem bekannten Bild, das sich etwa auch in einem Apsismosaik aus dem 5. Jahrhundert in einer Kirche in Ravenna befindet: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu dir.“ Dieses Sehnen ist nichts Abstraktes, keine intellektuelle Denkaufgabe, sondern aus einer tiefen Not und inneren Unruhe geboren, einer tiefen Sehnsucht nach Heil.
Die Sehnsucht hält mich am Leben. Aber nur sehnsüchtig zu sein, würde mich vermutlich auch lebensuntauglich machen. Ich brauche den Alltag, die geregelte Struktur und klare Abläufe. Sehnsucht kann gefährlich sein. Aber ich brauche die Momente, in denen ich mir meinen Sehnen nach einem Mehr des Lebens, nach Ganzheit und Heil zugestehe und eingestehe. Ich bin nicht einfach meines Glückes Schmied. Ich lebe vom Sehnen nach Liebe, nach Leben, nach Freiheit, nach Gerechtigkeit. Der Glaube hält diese Sehnsucht wach. Er schenkt mir Bilder, in denen ich mich wiederfinden kann. Er macht mir Mut, mir mein Dürsten nach Heil, nach Erfüllung und Glück auch einzugestehen. Ja, meine Seele dürstet. So kann ich mich in diesen Psalm einfinden. Und sie hofft auf Erfüllung in dem lebendigen Gott, dessen Bild mir Jesu Weg und Leben begegnet.
Der spricht: „Wen da dürstet, der komm zu mir und trinke“ (Joh 4, 37b). Nachspüren will ich meiner Sehnsucht, den Durst zulassen und auf die Erfüllung hoffen. Der Sommer mit allem, was er bietet, der Auszeit, dem Urlaub, den Erfahrungen der Natur, kann Anlass sein, dem Raum zu geben. Da kann ich hineinhorchen in mich: Was erwarte ich vom Leben? Was wünsche ich mir? Was ersehne ich? Der Bibel jedenfalls sind diese Gedanken nicht fremd. In vielen Liedern besingen wir sie, auch in unseren Gottesdiensten. Besonders schön in einem neueren geistlichen Lied:
„Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.“

(Nummer 128 in Singt/Jubilate)
Im Sehnen, im Dürsten meiner Seele, da kann mir Gott begegnen. Und mit ihm das Leben. Ganz gewiss.

Ihr Dr. Christian Nottmeier
Superintendent